Eine theologische Annäherung an das Symbol Labyrinth

Symbole beinhalten eine zeitlose Wahrheit, sie verweisen nicht nur auf eine verborgene, tiefere Wirklichkeit, sie lassen das Transzendente gegenwärtig sein. Sie sind geschichtlich und gesellschaftlich bedingt und dadurch in ihrer Bedeutung nie endgültig. Sie können sich nur in lebendiger Auseinandersetzung entfalten, wenn Menschen sich auf sie einlassen, sich mit ihnen identifizieren, und sie so – jede und jeder selbst – neu erfahren.

Das Labyrinth erscheint uns die tiefste Ausprägung des Ursymbols Weg zu sein, es wirkt gleichzeitig rückbindend und ausgerichtet auf die Zukunft. Ein Hoffnungssymbol!

Das Labyrinth in der christlichen Tradition

Das alte Symbol Labyrinth wurde bald ins noch junge Christentum integriert.

In der 324 erbauten Reparatusbasilika in Algier ist das älteste christliche Labyrinth erhalten (römischer Typ). Im Zentrum befindet sich ein Buchstabenrätsel mit den Worten „SANCTA ECLESIA“ (sic!).

Illustrationen in klösterlichen Handschriften dokumentieren, dass die Labyrinthform weiterentwickelt wurde:

  • Otfrid-Labyrinth: (863-871) rund, 11 Umgänge, Kreuzstruktur verschwunden
  • Im Pergamentcodex des Isidor von Sevilla (1072) finden wir den neuen Labyrinth-Typ, der Vorlage für Chartres gewesen sein dürfte: rund, 11 Umgänge, die Kreuzstruktur wird dem Labyrinth wieder aufgeprägt.

In Österreich erhaltene Buchlabyrinthe: Admont, Zwettl, Nationalbibliothek Wien

Ab dem 12. Jh. kommt es zu einer faszinierenden Hochblüte der Labyrinthe: in vielen gotischen Kathedralen in Frankreich und Italien dienten Fußbodenlabyrinthe als Einkehrweg, als Ort des Gebetes, aber auch als Tanzplatz.

Rund oder achteckig (selten quadratisch), meist 11 Umgänge, an der Kreuzform orientiert.

[rot = heute noch erhalten]

In Frankreich: Platten-Umgangs-Labyrinthe (12./13. Jh) : Chartres (1220), Reims, Amiens, Arras, St-Quentin, Auxerre, Sens, St-Omer.

Auf Fliesen, Steinreliefs (12.-15.Jh) : Bayeux, Caen, Châlons-sur-Marne, Genainville, Mirepoix, Toulouse.

In Italien (12. Jh): Lucca, Pontremoli (Fingerlabyrinthe), Piacenza, Pavia, Rom, Ravenna (1584).

In Skandinavien: (ab 14./15. Jh) an Kirchenwände oder  –gewölbe gemalt, klassischer Typ, variable Anzahl von Umgängen.

Tanz im Labyrinth:

  • Auxerre : 1396 schriftl. festgehalten, 1538 verboten, bis 1690 (Zerstörung des Labyrinths) durchgeführt
  • Sens: 1413 schriftl. festgehalten, 1768 entfernt

In England: vemutlich alte klassische Rasenlabyrinthe, die ab dem 13./14. Jh nach französischem Vorbild christlich umgestaltet wurden, meist Typ Chartres oder Reims, auch in der Nähe von Kirchen und Klöstern.

Das Labyrinth in der christlichen Spiritualität der Gegenwart – Was bietet ein Labyrinth heute?

Die Erfahrungen, die Menschen im Labyrinth machen, sind ganz unterschiedlich und selbstverständlich nicht objektiv messbar (genauso wie alle anderen spirituellen Erfahrungen). Beim Begehen des Labyrinths können Menschen große und kleine Erfahrungen machen, es können neue Wege auf-gehen, es kann etwas klar und deutlich vor Augen stehen, es kann spürbar werden: Gott geht mit uns.

  • Der Weg eines Labyrinths bringt Menschen in Be-weg-ung, er bringt etwas in Gang.
  • Das Labyrinth bietet Möglichkeiten zur Zentrierung, es hilft zur eigenen Mitte, zu Gott zu finden, es unterstützt bei der Suche nach dem Sinn des Lebens.
  • Es ist ein Ort der Ruhe, es bietet sich uns Menschen an, um zur Ruhe zu kommen.
  • Der Weg im Labyrinth ist ausgezeichnet dazu geeignet, sein eigenes Leben, seinen Lebensweg zu bedenken.
  • Wenn ein Labyrinth als sakraler Raum angelegt wird, schafft man gleichsam einen „Landeplatz für Heiliges“. Es hängt – genauso wie bei jedem Kirchenbesuch und bei jeder Messfeier – von der Einstellung jeder/s einzelnen ab, was sie/er daraus macht. Und:
  • Es hängt vom Kontext ab, in dem ein Labyrinth begangen wird, welche „Auswirkungen“ es hat: es kann als Spielplatz benutzt werden und voll Spaß durchlaufen werden, es kann als Lernplatz zum Einüben bestimmter Inhalte herangezogen werden, es kann  im Rahmen einer konkreten Liturgiefeier genützt werden, oder um biblische (Weg-) Erzählungen zu verinnerlichen, zur stillen Meditation und zum persönlichen Gebet, um Gemeinschaft und Miteinander- unterwegs-Sein konkret zu erfahren, um einander zu begegnen, …

Das Labyrinth ermöglicht Begegnung:

Begegnung mit sich selbst,

Begegnung untereinander,

Begegnung mit Gott.

Seinem Weg können Menschen sich ganz und gar anvertrauen, er kann Hoffnungen stärken und zum Leben ermutigen.

Wir wünschen uns, dass das Labyrinth viele Menschen auf ihrem spirituellen Weg berührt,  begleitet und in Be-weg-ung bringt!

 

Wir und das Labyrinth - Geschichte

Wir und das Labyrinth - Das Symbol